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Beckendenken im Wahrnehmungsgebäck | ||||||||
| In der Reihe "Ausgewählt" wird der Künstler Hannes Kater zum ersten Mal in der Einzelausstellung "überbrechen" in der Akademie der Künste am Hanseatenweg vorgestellt.* | |||||||||
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von Urszula Usakowska-Wolff |
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Es ist beeindruckend, mit welcher Beharrlichkeit, Disziplin und Akribie Hannes Kater seinen künstlerischen Kosmos konzipiert, konstruiert und kommentiert. Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre ist er von der Idee beflügelt, die Entwicklung einer "eigenen, neuen Zeichensprache voranzutreiben", mit deren Hilfe man Worte in Zeichen, Zeichen in Zeichnungen und Zeichnungen in Raumzeichnungen übersetzen kann. Der Prozess des Zeichnens, der allen seinen künstlerischen Aktivitäten zugrunde liegt, ist für ihn eine Form des Nachdenkens und des Selbstgesprächs. Zum anderen öffnet er sich für ein breites Publikum: Texte, die ihm per E-Mail zugeschickt werden, verwandelt er in Zeichnungen. Zu diesem Zweck erarbeitete er ein "Darstellerlexikon", dessen Kurzfassung aus 27 Ideogrammen besteht. Diese "Darsteller" genannte Ideogramme dienen dazu, aus Worten Bilder zu generieren. Hannes Kater geht also einen ungewöhnlichen, einen umgekehrten Weg: von der Schrift zu einer Art Keilschrift, die seine Kunst verschlüsselt. Zugleich liefert er das Know-how für ihre Entschlüsselung mit. Dadurch sollen Bilder lesbar und Worte bildhaft werden: Bestandteile eines Systems kommunizierender Zeichen. |
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| Semantik aus Styropor Hannes Kater, der sich ,,Zeichnungsgenerator" bezeichnet, betreibt seine Kunst wie ein groß angelegtes wissenschaftliches Langzeitprojekt, um zu zeigen, wie sich Gedanken in ,,Arbeiten", wie er seine Kunstwerke nennt, spiegeln. Wie in einem Labor betreibt er "Fallstudien", er erforscht die Semantik seiner Zeichnungen, die er anscheinend ununterbrochen auf DIN-A4-Blattern fertigt. Er zerlegt das mit Filzstiften Gezeichnete in einzelne Elemente und fügt sie neu zusammen, er übertragt sie auf Styropor und schneidet sie aus. Das ist der Fundus, aus dem er seine bisher 50 Projekte bestückte. Er dokumentiert jeden einzelnen Schritt seines Tuns, erstellt Statistiken (über die "Entwicklung der Darsteller"; in Anspielung auf Ludwig Wittgenstein ,,Philosophische Grammatik" verfasst er seine eigenen ,,Studien zur Grammatik" in denen "Ich-Varianten" eine nicht zu verachtende Rolle spielen. |
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| Tief ist doof Das ,,Ich", so Hannes Kater auf seiner Website, ist „(...) er, sie und ganz allgemein Protagonist, ich, Handelnder, Hauptfigur, Kopf mit Lunge (dem mir persönlich wichtigsten Organ), auch Kopf mit Mütze und Gehirn. Gehirn (Darsteller 01, seit 1996) bedeutet einerseits ,,denken, nachdenken, an etwas denken, Denkvorgang, Wahrnehmungsgebäck", andererseits ,,meinen, beurteilen, ausdenken, grubein, in Betracht ziehen, überlegen, sich vertiefen, mit sich zu Rate gehen." Das hört sich an wie der Versuch einer Synthese aus Martin Heideggers ,,rechnendem Denken und besinnlichem Nachdenken", wobei das ,,Wahrnehmungsgebäck" (etwa das Antonym vom weichen Keks?) die Wortschöpferei des Erfinders der ,,Zuhandenheit" bei Weitem übertrifft. Doch im Gegensatz zum tiefgründigen Philosophen, von dessen ,,Denken, das hörend blickt und blickend hört" er sich offensichtlich angesprochen fühlt, will der mit vielen Talenten gesegnete Mann ,,nicht treu doofdeutsch immer weiter in die Tiefe gehen, sondern einfach mal die Richtung wechseln." |
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| Ausgewählt für "Ausgewählt" Hannes Katers 50. Richtungswechsel-Projekt ist jetzt in der Akademie der Künste am Hanseatenweg 10 zu sehen. Kaum zu glauben, dass der 1965 in unmittelbarer Nachbarschaft zur AdK geborene Künstler, der seine Kindheit und Schulzeit im Hansaviertel verbrachte, so lange warten musste, um in den ehrwürdigen Gemäuern sein Können unter Beweis zu stellen: in der Ausstellung ,,Ausgewählt", für die er von seinem Mentor Raimund Kummer, bei dem er einst in der HdK Braunschweig Meisterschüler war, ausgewählt wurde. Der für ,,Ausgewählt" Ausgewählte (eine Tautologie, die zu Hannes Kater gut passt), wählte für seine erste Einzelausstellung in Berlin den Titel "überbrechen". "Überbrechen" ist ein Wort, das sein vierjähriger Sohn ("Sprachumgang wie Heidegger assistierte ihm Wittgenstein-Experte Gunter Gebauer", so Katers 0-Ton.) erfunden hat, als er sich beschwerte, dass sich die Erwachsenen ständig über ihn blickten und ihn dadurch bei seinen "Spielen auf dem Boden" eben "überbrochen" haben. Gründlich wie Hannes Kater ist, fand er durch googlen heraus, dass es dieses Wort tatsächlich gibt: Es bedeutet das Gegenteil von "abteufen", also die Herstellung von senkrechten, gegen Einsturz gesicherten Hohlräumen im Bergbau. |
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| Autothematisch und autark Ein Nun kann man einen solchen Raum in der Halle 3, gegenüber der Ausstellung des Käthe-Kollwitz-Preistragers 2012 Douglas Gordon, im ersten Stock der AdK im Hansaviertel erkunden, ohne Angst haben zu müssen, dass etwas herabstürzt: Es geht ja aus der Tiefe aufwärts. Beim Parcours durch das aus Styropor, Holz und Pappe konstruierte und mit 17 Overheadprojektoren beleuchtete "überbrechen" merkt man, dass Hannes Kater, der wie sein "Ich 01" eine Mütze, genauer: ein Cap auf dem Kopf trägt (um das "Wahrnehmungsgebäck" zu schützen?), autothematisch und autark ist. Der Universalkünstler ist nämlich Regisseur, Dramaturg, Bühnenbildner, Beleuchter und Sound Designer eines Theaters, in dem die "Darsteller" zugleich Kulissen der schattenreichen Inszenierung sind. Auf die abstrakt-figurativen Gebilde (Jean Dubuffets "Hourloupe"-Zyklus schien wohl ein nicht so leicht zu übertreffendes Vor-Bild gewesen zu sein) aus Körperteilen, Gegenständen, schriftlichen Verlautbarungen oder einzelnen Worten werden Zeichnungen projiziert. Paarwerdung Das "überbrechen" besteht aus "Zwölf Stationen", fast schon eine Via Dolorosa Artistica auf 500 Quadratmetern mit Einsichten in das Innen- und Außenleben des Künstlers. Die Stationen heißen "Ich-Sortierung", "Körpergrenzen", "Es geht um sehr viel Geld", "Mit dem Geld tanzen (Die Sammlerin)", "Theorie und Praxis" und "Paarwerdung". Das Leitmotiv fast aller "Stationen" ist die Empfängnis, also die Frau als Gefäß für den Samen und Austragungsort eines neuen Lebens, in diesem Fall des titelgebenden Sohnes. Seine Stimme als Baby [Kleinkind] ist auch im Soundtrack erkenntlich. Vielleicht wirkt deshalb ein Teil der "überbrechenden" Schau wie eine bebilderte Mutterschaftskampagne in einer Tagesstätte für etwas reifere Kinder. Stellenweise fühlt man sich wie in einem Heimatmuseum: es gibt vier Vitrinen mit Fotos und anderen Archivalien aus Hannes Katers Kindheit im Hansaviertel, inklusive einer Zeichnung des damals Vorjährigen. Auch an Hilfsmittel zum besseren Verständnis seiner "Stationen" hat der Künstler und Vater gedacht: In der Mitte der Halle 3 steht ein großes Rundregal aus Pappe mit dem "Darstellerlexikon". Der "Darsteller" Nr.03 heißt "Beckendenken". Es ist "eine Clitoris mit einer Art Heiligenschein, der ihren sichtbaren Teil markiert." Für Hannes Kater symbolisierte sie "ursprünglich weibliche Sexualität, weibliche Geilheit, Weiblichkeit". Heute ist sie ein Zeichen für "Sexualität, Lust (nicht mehr geschlechtsspezifisch)." Wow! |
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