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| 09.01.2026 |
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Lieblingspfeile
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Tag auf Glas, Berlin Weißensee
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Lieblingspfeil Nr. 2203
Pfeilspitze-Pfeilbahn-Unschärfe
Hier läuft die untere Pfeilspitzen-Linie derart parralel zur Pfeilbahn, dass sie praktisch als Pfeilbahn, als Verdoppelung der Pfeilbahn, gelesen wird und man den Eindruck bekommt, einen Pfeil mit halber Pfeilspitze zu sehen.
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Die Referenzebenen von real anmutenden KI-generierten Filmen sind eine ganz neue Herausforderung... |
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07.01.2026 |
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Mehrdimensionale visuelle Semantik ein Texthinweis
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Wie lässt sich eine visuelle Notation theoretisch fassen, die weder reine Bildlichkeit (beliebig, intuitiv) noch Text-Grammatik (linear, eindeutig) ist? Die Darsteller-Systematik arbeitet seit 30 Jahren mit einem begrenzten Repertoire von inzwischen 48 wiederkehrenden Zeichen systematisch, dokumentierbar, wiederholbar. Aber sie bleibt im Bildraum: nicht-linear, ambivalent, kontextsensitiv.
Dieser Text unternimmt einen Übertra-gungsversuch: Die zweidimensionale Semantik aus der Sprachphilosophie (Chalmers, Rabern) unterscheidet zwischen primärer Intension (epistemischer Zugang) und sekundärer Intension (tatsächliche Referenz). Kann dieses Modell auf visuelle Notation übertragen werden?
Das Problem: Darsteller-Zeichnungen haben keine feste Referenz wie [vermeintlich] sprachliche Ausdrücke. Eine Zeichnungs-notation, die eine Unentschiedenheit zwischen zwei Polen darstellen will, referiert nicht auf ein Objekt sie notiert ein Konzept. Und: auch sprachliche Referenz hat keine feste Grundlage, sondern referiert auf eine Konstruktion ("turtles all the way down") nur dass uns das aktuell weniger bewusst ist, als bei visuellen Beispielen.*
Die Erweiterung: Das Modell braucht eine dritte Dimension die Abtastsequenz (tau). Anders als Text haben in der Zeichnung auftretende Darsteller keine vorgegebene Leserichtung. |
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Dieselbe Zeichnung kann auf verschiedene Weisen abgetastet werden (A B C vs. C B A), und jede Sequenz aktiviert andere Bedeutungsnuancen. Micro-Bewegungen (das Auge pendelt lokal, liest dasselbe mehrfach) konstituieren Konstellationen interpretierbare Einheiten, die keine scharfen Grenzen haben und sich überlappen.
Das Nesting-Problem: Bedeutung variiert je nach Verschachtelungsebene, die real schon eingezeichnet (oder im Raum verbaut) ist, oder die durch das interpretierende Betrachten ("auslesen" als Begriff wäre hier problematisch) entsteht. Diese Verschachtelung ist bei Darstellern meist nicht explizit markiert (wie Klammern in Text) und selbst nicht-linear abtastbar.
Das Ergebnis: Ein erweitertes Modell
F (v, w, tau) + Nesting + Konstel-lationen, das zeigt: visuelle Notation organisiert den Zugang zu Konzepten fundamental anders als Text. Sie ist kontextsensitiv (vs. kontextfrei), nicht-linear (vs. sequenziell), und operiert teilweise "unter dem Radar" ermöglicht Zugang zu Konzepten, die sprachlich schwer formulierbar sind.
Weiter Thema: die institutionelle Asymmetrie: Es gab einen Sonderforschungsbereich "Schriftbildlichkeit" (wie Text bildhaft wird), aber nie einen für "Bildschriftlichkeit" (wie Bild systematisch notiert)..
Mehr hier langer Text
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Am 27. Juni 1968, gegen 4 Uhr morgens, umstellte die Bereitschaftspolizei (gardes mobiles) die seit dem 14. Mai besetzte École des Beaux-Arts. Die Werkstätten des Atelier Populaire wurden um 5 Uhr geschlossen.
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Zur räumlichen Organisation: "Atelier Populaire" bezeichnete die ideelle Institution des Kollektivs, räumlich aber arbeitete man in mehreren besetzten Räumen der Schule. Zunächst wurde der Lithographie-Atelier besetzt und umbenannt (an der Tür: "Atelier Populaire: oui, Atelier Bourgeois: non"), dann kamen Siebdruck-Werkstätten in verschiedenen Räumen hinzu, darunter der "atelier MAROT" am Quai Malaquais. Zum Trocknen der Plakate wurden Höfe, Gärten, Klassenräume und Treppen genutzt. Die Produktion lief Tag und Nacht mit toxischen Materialien (Lösungsmittel, Aceton, Farben). Die Schule war während der gesamten sechs Wochen illegal besetzt diese Besetzung öffentlicher Gebäude war die formale Rechtsgrundlage für die Räumung.
Der politische Hintergrund: Am 12. Juni 1968 hatte de Gaulle per Dekret elf linksradikale Organisationen aufgelöst (u.a. JCR, PCMLF, Voix ouvrière). Ab dem 14. Juni ordneten die Präfekten auf Basis von Artikel 30 der Strafprozessordnung (der bei "Notlagen" weitreichende Befugnisse gibt) Durchsuchungen und Festnahmen an. Der übliche Vorwurf lautete "reconstitution de ligue dissoute" (Wiederaufbau aufgelöster Vereinigungen).
Nach Berichten von Beteiligten gab es bei der Räumung keinen Widerstand die Aktivist:innen nahmen ihr transportables Siebdruckequipment (Rahmen, Rakel, Farbe) und verließen das Gebäude. Ein Polizist, der Kunstliebhaber war, hatte das Atelier vorgewarnt. Die Polizei hatte offenbar mit der Beschlagnahme einer großen Druckpresse gerechnet und fand weitgehend leere Räume vor. |
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05.01.2026 |
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Kunstpfeil_111 [1. Fassung]
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| Screenshot aus: "Die Dinge des Lebens" von Claude Sautet aus dem Jahr 1970. Wir sehen Michel Piccoli (von hinten) neben einer Lithographie von Gabriel Paris |
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Als Design und Kunst an die gleiche Zukunft glaubten
Im März 1970 hatte Claude Sautets Film "Die Dinge des Lebens" in Frankreich Premiere. In einer Szene hängt an der Wand eine Lithographie von Gabriel Paris: "Circulation" (58 cm x 77 cm, Auflage 35, bessere Abbildung).
Pfeile in rot, blau und gelb verbinden Strichmännchen-Figuren und Fahrzeuge zu einem komplexen Diagramm einem visuellen System, das gesellschaftliche Flüsse und Interaktionen kartiert. Das Werk ist undatiert, muss aber vor der Filmpremiere entstanden sein: vermutlich zwischen 1967 und 1969, in einer Zeit, als in Europa parallel zueinander zwei Bewegungen an ähnlichen Fragestellungen arbeiteten.
Ende der 1960er Jahre formierte sich beiderseits des Rheins eine erstaunliche Überzeugung: dass visuelle Systeme die Welt verändern könnten. Nicht im metaphorischen Sinne, sondern ganz
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konkret durch bessere Kommunikation, klarere Zeichen, universell lesbare Bildsprachen.
"Es gab die Hoffnung", erinnerte sich Jochen Stankowski 2023 im Gespräch mit mir [Link], "dass gutes Design helfen könnte, eine bessere zwischenmenschliche Kommunikation zu organisieren, also eigentlich auch eine aufgeklärtere Gesellschaft zu befördern."
In Deutschland hieß diese Hoffnung Visuelle Kommunikation. In Frankreich nannte sie sich Figuration Narrative. Die eine systematisch-analytisch, vom Design kommend. Die andere expressiv-politisch, aus der Kunst. Beide aber teilten den Glauben an die gesellschaftliche Wirksamkeit visueller Zeichen.
1972 erschien Anton und Jochen Stankowskis Buch "Der Pfeil" [Link]. Zur gleichen Zeit lief an der Hochschule der Künste Berlin (heute UdK) ein Seminar unter Leitung von Ludvik Feller: "Nonverbale Kommunikation". Hier arbeiteten Studierende darunter auch meine Mutter daran, visuelle Grundelemente zu analysieren und deren Bedeutungspotential zu kartieren.
Peter Senftleben formulierte im Seminarbericht 1974 [Link] die methodische Grundhaltung: "nicht vom Inhalt zur Form, sondern von den Formen zum Inhalt zu gelangen." Ein radikaler Perspektivwechsel. Statt Inhalte in Bilder zu übersetzen, sollten begrenzte visuelle Vokabulare systematisch durchgespielt werden, um ihre Bedeutungsmöglichkeiten zu erforschen. Senftleben legte sich strenge Constraints auf: Quadrat und Pfeil, maximal zwei Größen, höchstens acht Pfeile pro Bild, nur horizontale, vertikale oder diagonale Ausrichtungen.
"Eine bestimmte, festgelegte Bedeutung ist in keinem Beispiel möglich", schrieb die Arbeitsgruppe. "Man kann sie übertragen in andere Dimensionen: zeitliche Abläufe, Empfindungen, geistige Zusammenhänge." Die Systematik sollte Flexibilität erzeugen, nicht Eindeutigkeit. Das Quadrat konnte Objekt, Mensch, Material, Raum bedeuten oder auf höherer Abstraktionsebene: Stadt, Staat, Gesellschaft. Der Pfeil: Richtung, Bewegung, Energie, Zeit.
Schon 1964 entwickelte der Japaner Yukio Ota sein LoCoS-System eine visuelle Plansprache aus kombinatorischen Grundelementen. Otl Aicher entwarf die Piktogramme für München 1972. Überall das gleiche Prinzip: begrenzte Vokabulare, kombinatorische Logik, universelle Lesbarkeit als Ideal.
Die Umbenennung von "Gebrauchsgrafik" in "Visuelle Kommunikation" war kein kosmetischer Akt. Sie markierte einen Paradigmenwechsel: Design nicht als Dekoration, sondern als soziale Technologie. |
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"Gestaltung hat eine Wirkung und eine Verantwortung", so Stankowski. Man sprach von "visueller Verschmutzung". Es gab eine andere Einstellung als heute.
Frankreich: Figuration Narrative
Im Juli 1964 eröffnete in Paris die Ausstellung "Mythologies quotidiennes" im Musée d'Art Moderne. Organisiert von Kunstkritiker Gérald Gassiot-Talabot und den Malern Bernard Rancillac und Hervé Télémaque, versammelte sie 34 Künstler darunter Arroyo, Monory, Erro, Klasen. Die Schau markierte die Geburtsstunde der Figuration Narrative.
Auch hier ging es um Kommunikation, aber anders. Nicht systematisch-analytisch, sondern politisch-aktivistisch. Die Künstler verwendeten Pfeile, Diagramme, Comic-Elemente, fotografische Bildausschnitte aber nicht, um ein neutrales Zeichensystem zu entwickeln, sondern um die Massenbildsprache gegen sich selbst zu wenden. "Détournement" nannte man das: die Umkehrung der ursprünglichen Bedeutung.
Gassiot-Talabot definierte 1967: "Narrativ ist jedes künstlerische Werk, das sich auf eine Darstellung in der Zeit bezieht, durch seine Schrift und Komposition." Wie Senftlebens Pfeile konnte auch die Figuration Narrative "zeitliche Abläufe, Empfindungen, geistige Zusammenhänge" visualisieren.
Der entscheidende Unterschied: Die Künstler wollten nicht bessere Verständigung, sondern gesellschaftliche Transformation. Rancillac sprach vom "œil idéologique" dem ideologischen Auge. Kunst sollte wieder "Werkzeug der sozialen Transformation" werden, gegen "die Neutralität der Pariser Schule" und den "Formalismus der amerikanischen Pop Art".
Als im Mai 1968 Paris brannte, produzierten Künstler der Figuration Narrative im Atelier Populaire im Gebäude der École des Beaux-Arts Hunderte von Plakaten. Auch Gabriel Paris war dabei er schuf "große und erstaunliche Original-Plakate", wie es in seiner Biografie heißt. 1968 verließ er seinen sicheren Job als TV-Szenograph und widmete sich fortan ausschließlich der freien Kunst.
Paris' Lithografie "Circulation" steht genau an dieser Schnittstelle. Als Bühnenbildner war er gewohnt, systemisch zu denken Räume zu organisieren, Abläufe zu planen. Seine Lithgraphie verwendet die gleichen Elemente wie Senftlebens Studien: Pfeile und Figuren (statt Quadrate). Wie die deutsche Visuelle Kommunikation kartiert sie systematisch Beziehungen, Bewegungen, Flüsse.
Gleichzeitig stellte Paris ab 1968 mit Bernard Rancillac in der Galerie "Le Soleil Dans la Tête" aus also im Umfeld der |
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Figuration Narrative. "Circulation" ist kein neutrales Diagramm. Der Titel deutet auf gesellschaftliche Prozesse, auf Verkehr im doppelten Sinne: Mobilität und Austausch. Es entsteht ein Organigramm, das soziale Systeme visualisiert.
Paris war kein typischer Mai-68-Künstler. Er arbeitete seit den 1950er Jahren als Maler und Grafiker, ab 1961 als Filmausstatter. Im Mai 1968 engagierte er sich im Atelier Populaire der besetzten École des Beaux-Arts aber anders als andere Mitglieder des Kollektivs, die radikal auf individuelle Signaturen verzichteten, blieb er Autor: seine Plakate waren "signiert und nummeriert". Das Atelier Populaire existierte nur sechs Wochen, vom 14. Mai bis zur Räumung am 27. Juni 1968.*
Wann der Druck "Circulation" entstand, ist unklar vermutlich in den Jahren vor 1970. Die systematische Visualisierung von Flüssen, Bewegungen, gesellschaftlichen Zusammenhängen war sein Thema, unabhängig vom Mai-Aufstand.
Als Sautet den Film Ende 1969 drehte, anderthalb Jahre nach den Ereignissen, war klar: die Revolution war ausgeblieben. Die Arbeiter waren zurück in den Fabriken und De Gaulle war gestärkt aus den Wahlen hervor gegangen. Was der Film zeigt bürgerliche Lebensentwürfe, die ihre eigenen Konventionen hinterfragen mag Selbstreflexion oder Selbstgefälligkeit sein, vielleicht beides.
Die in der Szene an der Wand hängende Arbeit von Paris ist ein ästhetischer Verweis auf 68 und der Beweis, wie solche Ansätze recht folgenlos assimiliert und zu Wanddekoration werden können.
Die großen Hoffnungen der späten 60er Jahre hatten sich nicht erfüllt. Auch Design, Musik oder Drogen hatten nicht geholfen. Und schon gar nicht die Kunst.
"Aufklärung" war wohl auch der falsche Ansatz. Als gäbe es eine Wahrheit, die man nur richtig vermitteln müsse. Als seien visuelle Systeme (und vorrangig natürlich Texte) neutral, objektiv und universell verständlich und nicht selbst immer schon Teil von Machtdiskursen, ästhetischen Codes, kulturellen Prägungen. Ein Quadrat bedeutet nicht überall dasselbe. Und ein Pfeil hat nicht für alle die gleiche Zeigewirkung.
"Die Gesellschaft" als Singular war eine Fiktion und die Vorstellung, man könne sie durch ein einheitliches System formen, eine weitere. Ob durch Ideologie, Politik, Religion, Moral, Kultur: die Idee, es gäbe eine richtige Grundhaltung, die nur durchgesetzt werden müsse, trägt selbst schon autoritäre Züge. Auch wenn sie sich emanzipatorisch gibt.
Stankowskis Diagnose von 2023: "Jetzt ist die Stimmung eher gedrückt."
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02.01.2026 |
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Statistik 2025
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Leider gibt es seit November 2025 nur
noch diese Form der Datenvisualisierung
bei meinem Server |
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Mit mehr als durchschnittlich 100000 Sessions im Monat hatte ich deutlich mehr Besucher als letztes Jahr. Und auch alle anderen Zahlen auch auf einem Allzeithoch.
Mehr zu meiner Seitenstatistik 2025 hier.
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Alan von Lille (Alanus ab Insulis, ca. 11161202/03) war französischer Theologe, Poet und Lehrer, dessen umfassendes Wissen ihm den Beinamen "Doctor Universalis" einbrachte. Er lehrte an den Domschulen von Paris und Montpellier und war mit der Schule von Chartres verbunden, einem Zentrum des christlichen Neoplatonismus im 12. Jahrhundert, das vor allem Platon's Timaeus und die mathematischen Künste (Quadrivium) betonte.
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Zu seinen Hauptwerken gehören De planctu Naturae (ca. 1160-1170), eine Prosimetrum-Dichtung in der Tradition von Boethius, in der die personifizierte Natur sich über menschliche Verfehlungen beklagt und diese durch grammatische Allegorien (Barbarismen, Solözismen) beschreibt Gewalt an der göttlichen Sprachordnung , sowie der Anticlaudianus (ca. 1182), ein allegorisches Lehrgedicht über die Erschaffung des vollkommenen Menschen. In diesem Werk unternimmt die Tugend Prudentia (Klugheit) eine Himmelsreise in einem Wagen, der von den Sieben Freien Künsten gebaut wurde, um von Gott eine perfekte Seele zu erbitten, die Natura dann mit einem vollkommenen Körper verbindet; dieser "neue Mensch" muss anschließend gegen die Laster kämpfen eine allegorische Darstellung der Verbindung von weltlichem Wissen, göttlicher Gnade und moralischem Handeln. Alan von Lilles Arbeiten beeinflussten die mittelalterliche Literatur nachhaltig von Jean de Meun über Chaucer bis Dante. |
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Vgl. die Entwicklung meines Darstellers *48 Macht, die durch eine Halluzination von NotebookLM angestoßen wurde.
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01.01.2026 |
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Alan von Lille* und die Darsteller: Grammatik als visuelle Systematik [2. Fassung]
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Eine Spurensuche ausgehend von einer KI-Halluzination
Am 1. Januar 2026 erhielt ich von der Plattform Academia.edu eine automatische Benachrichtigung: Ich würde in einem PDF erwähnt, das von jemandem hochgeladen worden sei, der sich für Alan von Lille interessiert. Das war insofern bemerkenswert, als ich von Alan von Lille bis dahin noch nie etwas gehört hatte. Wer war das? Und warum sollte ich in einem Text über ihn erwähnt werden?
Neugierig geworden, fragte ich die Google KI: "Was hat meine Arbeit mit Alan von Lille zu tun?" Die Antwort war erstaunlich ausführlich und konkret: Alan von Lille habe in seinem Werk "De planctu Naturae" (ca. 1160-1170) eine "grammatische Kritik" formuliert, die Grammatik nicht nur als linguistisches System verstand, sondern als universelles Ordnungsprinzip. Die KI behauptete, Alan habe diese grammatische Ordnung auch auf visuelle Systeme angewendet auf Diagramme, auf kosmologische Darstellungen, auf nicht-linguistische Notationen.
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Und genau hier, so die KI, läge die Verbindung zu meiner Arbeit mit den in Zeichnungen eingesetzten Darstellern: beide Systeme seien "regelbasierte Kombinationen" von Elementen, beide hätten eine "Grammatik".
Das klang plausibel. Es klang sogar faszinierend. Es war nur leider: eine Halluzination.
Bei genauerer Recherche (mit einer anderen KI, Claude von Anthropic) stellte sich heraus: Alan von Lille hatte zwar tatsächlich eine elaborierte grammatische Metapher entwickelt, aber diese bezog sich ausschließlich auf Sprache als Modell für moralische und natürliche Ordnung. Von einer "visuellen Grammatik" oder gar einer Anwendung grammatischer Prinzipien auf Diagramme oder Notationen findet sich bei Alan von Lille nichts. Die Google KI hatte offenbar zwei verschiedene Konzepte vermischt: Alan von Lilles mittelalterliche grammatische Metapher und das moderne Konzept der "visual grammar" (Kress & van Leeuwen, 1996), das erst im späten 20. Jahrhundert entwickelt wurde.
Diese Halluzination ist jedoch aufschlussreich. Sie bietet die Gelegenheit, durch den Vergleich mit historischen Ansätzen den Diskurs über die Darsteller-Systematik zu präzisieren, genauere Formulierungen und Abgrenzungen zu finden. Was also hat Alan von Lille wirklich gemacht? Was ist "Grammatik"? Und lässt sich die Darsteller-Systematik sinnvoll mit grammatischen Konzepten beschreiben?
Was Alan von Lille wirklich machte: Grammatik als moralische Ordnung
Alan von Lille (ca. 11281202/03) war ein französischer Theologe und Dichter, der in Paris und Montpellier lehrte und schließlich im Zisterzienserkloster Cîteaux starb. Sein berühmtestes Werk, "De planctu Naturae" (Die Klage der Natur), ist ein Prosimetrum eine Mischung aus Prosa und Versen nach dem Vorbild von Boethius' "Consolatio Philosophiae". In diesem Text tritt die personifizierte Natur auf und beklagt sich über die menschliche Lasterhaftigkeit, insbesondere über sexuelle "Verirrungen".
Das Bemerkenswerte an Alan von Lilles Text ist seine äußerst konkrete grammatische Metapher.
Er beschreibt sexuelle "Abweichungen" vor allem Homosexualität als grammatische Fehler:
• Männer, die mit Männern schlafen, verstoßen gegen die "Genus-Regel": Sie verwenden das masculine Genus, wo das feminine vorgeschrieben ist
• Sie verwenden die falsche Verb-Form: Das Aktiv wird zum Passiv, wo es aktiv bleiben sollte
• "Ein und derselbe Term ist sowohl Subjekt als auch Prädikat" eine logisch unmögliche Konstruktion
• Diese grammatischen Fehler heißen solecism (Syntax-Fehler) und barbarism (Wort-Fehler)
Alan von Lille denkt also von Text her: Grammatik ist ein System mit klaren Regeln (Genus, Verb-Form, Syntax), und Verstöße gegen diese Regeln sind nicht nur sprachlich falsch, sondern moralisch verwerflich. Die Natur hat ihre eigene "Grammatik" und Menschen, die dagegen verstoßen, begehen nicht nur eine Sünde, sondern auch einen sprachlichen Fehler.
Diese Metapher ist für das 12. Jahrhundert typisch. Grammatik war eine der Artes Liberales (die Freien Künste des Triviums: Grammatik, Rhetorik, Logik) und wurde als grundlegendes Ordnungsprinzip verstanden. Robert Kilwardby (13. Jh.) schrieb: "Sermo totaliter signum est" "Sprache ist vollständig Zeichen". Roger Bacon (13. Jh.) nannte das Zeichen "das Hauptinstrument aller Freien Künste".
Grammatik zu verstehen hieß, Ordnung zu verstehen sprachlich, logisch, moralisch, kosmisch.
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Aber: diese Grammatik war immer sprachlich. Es ging um Wörter, Sätze, Syntax, Verben, Genera. Alan von Lille hatte keine "visuelle Grammatik". Er hatte eine linguistische Metapher, die er auf nicht-linguistische Phänomene (Moral, Natur, Sexualität) anwendete. Das ist etwas fundamental anderes.
Warum die KI das halluzinierte: Moderne "Visual Grammar"
Der Begriff "visual grammar" existiert aber erst seit dem späten 19. und vor allem seit dem 20. Jahrhundert. Zwei Hauptlinien:
1. Aloïs Riegl (18581905): "Historical Grammar of the Visual Arts". Der österreichische Kunsthistoriker entwickelte eine analytische Methode, um visuelle Kunst zu untersuchen. Sein Buch "Historische Grammatik der bildenden Künste" (posthum 1966 veröffentlicht, Manuskript 1897-98) beschreibt, wie man die "Syntax" visueller Elemente analysieren kann ähnlich wie man die Syntax von Sätzen analysiert. Das ist eine moderne Analysemethode, kein mittelalterliches Konzept.
2. Gunther Kress & Theo van Leeuwen (1996): "Reading Images: The Grammar of Visual Design". Dieses Buch revolutionierte die Medienwissenschaft. Basierend auf Halliday's "Systemic Functional Linguistics" entwickelten Kress und van Leeuwen ein Framework, um zu analysieren, wie visuelle Elemente (Bilder, Layout, Farben) "wie Wörter" zu Bedeutung kombiniert werden. Sie zeigen: Visuelle Kommunikation hat Regeln nicht beliebig, nicht zufällig, sondern systematisch. Aber: Das ist eine moderne Erkenntnis über visuelle Kommunikation, keine historische Praxis.
Die Google KI hat also offenbar diese modernen Konzepte (Riegl, Kress/van Leeuwen) mit Alan von Lilles mittelalterlicher grammatischer Metapher vermischt und daraus die Halluzination generiert, Alan von Lille habe eine "visuelle Grammatik" entwickelt. Das ist nachvollziehbar: Beide Bereiche verwenden das Wort "Grammatik", beide beschäftigen sich mit Ordnungssystemen. Aber sie meinen etwas völlig Verschiedenes.
Hat die Darsteller-Systematik eine "Grammatik"?
Die Frage bleibt: Lässt sich die Darsteller-Systematik sinnvoll mit Grammatik-Konzepten beschreiben?
Was spricht dafür:
• Es gibt ein begrenztes Repertoire mit im Moment 48 wiederkehrenden Zeichen, die in einem Darstellerlexikon vorgestellt werden
• Es gibt Kombinationsregeln nicht jede Kombination ist sinnvoll
• Es gibt Stellenwertsemantik wo ein Zeichen steht, verändert, was es bedeutet
• Es gibt Pfeile als Verbindungselemente
• Es gibt Farb- und Größenmodulation
Was spricht dagegen:
• Es gibt keine feste Syntax (kein "Subjekt-Verb-Objekt")
• Es gibt keine festgelegte ineare Abfolge (keine vorgegebene Leserichtung)
• Es gibt keine eindeutigen Zuordnungen (ein Zeichen kann zu mehreren "Konstellationen" gehören interpretierbare Einheiten, die sich überlappen)
• Die "Regeln" sind vage, graduell, kontextabhängig nicht binär wie grammatische Regeln
Die Darsteller-Systematik hat systematische Elemente, aber sie ist keine Text-Grammatik. Sie ist eher eine räumliche, nicht-lineare, ambivalente Ordnung eine Topologie statt einer Syntax.
Die zwei Richtungen: Von Text her vs. von Bild her
Hier wird die Struktur der Halluzination erhellend. Sie zeigt zwei fundamental verschiedene Projekte:
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Alan von Lille: Von TEXT Richtung WELT
• Ausgangspunkt: Grammatik (Trivium, Artes Liberales, linguistische Ordnung)
• Denken: Grammatik als Metapher für alles (Natur, Moral, Kosmos)
• Ergebnis: Die ganze Welt funktioniert wie ein Text (mit Regeln, mit Syntax, mit korrekten/fehlerhaften Formen)
• Modell / Ideologie: Text-Logik wird universalisiert
Darsteller: Von BILD Richtung NOTATION
• Ausgangspunkt: Zeichnen, bildnerische Praxis, visuelles Denken • Denken: im Bildraum bleibend, also nicht linear. Aber mit Systematisierung, Wiederholbarkeit, Dokumentierbarkeit
• Ergebnis: Eine visuelle Notation mit systematischen Elementen (Regeln, Repertoire, Kombinatorik) aber nicht text-förmig
• Modell / Ideologie: Bild-Logik mit systematischen Elementen
Das sind keine Ansätze, die sich in der Mitte treffen. Alan von Lille will die Welt als Text lesen mit linearer Syntax, eindeutigen Regeln, binären Kategorien (richtig/falsch).
Mit Darstellern können Aspekte / Konzepte wollen aufgezeichnet werden ohne damit die Möglichkeiten des Bildraums aufzugeben: Nicht-Linearität, Ambivalenz, räumliche und intuitive Organisation.
Alan von Lilles grammatische Metapher funktioniert für meinen Ansatz mit den Darstellern nicht. Aber sie zeigt, wie verlockend es ist, von Sprache her zu denken und wie wichtig es ist, Bild-Logik als eigenständige Form der Ordnung ernst zu nehmen.
Die produktive Fehlinformation: Was bleibt?
Die KI-Halluzination hat eine Frage aufgeworfen,** die es lohnt zu verfolgen: Wie lässt sich eine visuelle Systematik theoretisch fassen, die weder reine Bildlichkeit (beliebig, intuitiv, nicht-systematisch) noch reine Text-Grammatik (linear, eindeutig, binär) ist?
Die Frage, wie sich diese Eigenlogik theoretisch fassen lässt mit welchen Konzepten, mit welchen Dimensionen, mit welchen Strukturen habe ich in einigen Texten versucht zu beschreiben.
Der neuste Text hat den Titel: Mehrdimensionale visuelle Semantik
Altere Texte:
Katers Notationssystem im Kontext formaler Grammatiktheorien
Hat Hannes Katers Notations-
zeichnung eine eigene Grammatik?
Zwischen Realismus und Nominalismus:
Katers Notationszeichnungen als philosophisches Experiment
Und:
Zur Zeichenhaftigkeit der Kommunikation
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Nachtrag
Zur Stellung visueller Praktiken im System der Freien Künste*
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Das mittelalterliche Bildungs-system war aufgeteilt in:
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Trivium (die drei Wege sprachlich/logisch):
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Grammatik: Sprachlehre, Textverstehen |
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Rhetorik: Redekunst, Überzeugung |
| 3. |
Dialektik/Logik: Argumentation, Wahrheitsfindung |
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Quadrivium (die vier Wege mathematisch):
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| 4. |
Arithmetik: Zahlenlehre |
| 5. |
Geometrie: Raumlehre |
| 6. |
Musik: Harmonielehre, Verhältnisse, Proportionen |
| 7. |
Astronomie: Himmelskunde
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Im mittelalterlichen Bildungssystem gehörten Malerei und Bildhauerei NICHT zu den Sieben Freien Künsten (Artes Liberales), sondern zu den handwerklichen Künsten (Artes Mechanicae).
Die Begründung: Freie Künste trainieren den Geist durch Theorie und universelle Prinzipien (Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie), während mechanische Künste die Hand trainieren und äußere Dinge produzieren. Bildende Kunst galt als körperliche Arbeit eine Kategorisierung, gegen die Künstler wie Leonardo da Vinci noch im 16. Jahrhundert kämpften, um Anerkennung als intellektuelle Tätigkeit zu erlangen. |
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Meine Notationszeichnung mit den von mir eingesetzten Darstellern unterläuft diese Dichotomie. Sie operiert mit grammatischer Logik einer spatialen, nicht-linearen Syntax, in der Zeichen durch Relationen Bedeutungsoptionen notieren (visual writing). Gleichzeitig bleibt sie prozesshaft, materiell, körperlich: die Hand trainiert sich durch tägliches Zeichnen, der Vollzug ist konstitutiv. Die Praxis kombiniert also Elemente der Liberal Arts (Grammatik, Bildrhetorik, Bildlogik) mit denen der Mechanical Arts (Hand, Material, Prozess) und schafft damit etwas, für das das mittelalterliche System keine Kategorie hatte: eine Praxis, die so weit Notation ist, wie es im Handlungsraum Bild überhaupt möglich ist, ohne Text zu werden.
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