Projekt Nr. 18
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Material:
- Texte / Berichte
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Der Zeichnungsgenerator in New York City  –  Bericht 5
Mit dem Peter Voigt Reisestipendium in New York City
04.01.2001  –  06.01.2001

Den ersten Teil der ersten Runde der Galerie-Ausstellungseröffnungen dieses Jahres hatte ich wegen Problemen in der neuen Wohnung - gähn: noch so eine der nightmare-flatsharing-Geschichten wie sie alle hier erzählen… nur diesmal war es meine - verpasst, heute ging ich hin, obwohl es wohl besser gewesen wäre, daheim zu bleiben und noch mal zu sprechen.

Aber irgendwann ist auch mal gut. Und C. hatte mir eine mail geschickt, dass er Samstag ab 7:30 auf einer Eröffnung in der 20igsten Straße sein würde.


II.
Um nach Chelsea zu kommen, nahm ich von Williamsburg erstmal die JMZ-Linie. Mein Zug, es war weekend, endete blöderweise schon in Chambers Street - einer Station vor meinem Umsteigebahnhof. Okay, man kann auch anders fahren... ich studierte den U-Bahn Plan und halte mich dann an die ausgewiesenen Wege zum anderen Bahnsteig. Um irgendwann vor abgeriegelten Treppen zu stehen. Kein durchkommen. Kein Mensch, den man fragen könnte. Na gut, also wieder zurück... vorhin war ich durch ein Drehkreuz gegangen. Und das wäre mein Weg zurück gewesen. Wenn ich da irgendwie durchgekommen wäre. Denn das Drehkreuz ist mehr eine Drehtür und unüberwindbar. Dafür ist es ja auch konstruiert: one way only, kein zurück möglich. Mit einiger Panik wurde mir klar, dass ich festsaß. Ich untersuchte mein vermeintliches Gefängnis sorgfältig. Alles war abgesperrt, der einzige Weg rein war die Drehtür - durch die man nicht wieder zurückkam.

Und kein Mensch weit und breit.

Eine mit einer Kette gesicherte Tür schien mir der hoffnungsvollste Ansatzpunkt. Zwischen der Tür und dem Rahmen waren vielleicht 20 cm Platz. Ich drückte und presste - die Lücke wurde größer - und zwängte mich durch. Entronnen stellte ich fest, dass sämtliche Ausgänge, die ich auf meinem Weg - den ich jetzt zurückverfolgte - passiert hatte, auch gesperrt waren. Aber diese Absperrungen wurden jeweils erst sichtbar, wenn man wirklich abbog und ein paar Treppenstufen nahm. Endlich kam ich wieder auf dem ersten Bahnsteig an und ging jetzt durch bis ans andere Ende des Bahnsteigs - ohne irgendwelche Hinweise darauf entdecken zu können, dass die von mir zuerst eingeschlagene Richtung eine Sackgasse war - und fand dann ohne Probleme einen Ausgang.

Ich ging dann zu Fuß zu meinem Umsteigebahnhof.
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III.
Recht spät kam ich dann in die 22igste Straße und guckte so einiges - um schließlich in der 303 Gallery zu landen. Dort stellte eine Karen Kilimnik aus. Was mich bewog länger zu bleiben, war ihr Lebenslauf, in dem mich besonders folgende Passage interessierte: "In the past year Kilimnik has had international museums shows at the Kunstverein Wolfburg e.V., Bonner Kunstverein, ..."

Könnte das nicht der Kontakt sein, von dem die Rede gewesen war, als es um die Entscheidungsfindung für das New York Stipendium ging? Ein Galeriekontakt, exklusiv für meine Konkurentin, angeboten von der damaligen Leiterin des "internationalen Museums Kunstverein Wolfsburg e.V."? Vielleicht sollte ich das mal recherchieren... obwohl - nachher wird noch so eine Art Arbeit daraus. Obwohl, wäre das denn so schlimm?

Ich beschließe länger zu bleiben, um vielleicht doch irgendwelche Qualitäten zu finden, die die Ausstellung auf den ersten Blick nicht hatte.


IV.
Ich entscheide, bei der größten von Kilimniks Installationen einen Einstieg zu versuchen. "Take your time ..." dachte ich mir, „… guck erst mal richtig hin, ehe du ein Urteil fällst." Und um der Sache wirklich gerecht zu werden, begann ich aufzuschreiben, welche Gegenstände in der Installation auftauchten und machte eine kleine Skizze. Dabei spüre ich immer wieder den Impuls, etwas vernichtendes zu schreiben - etwas wirklich vernichtendes. Statt dessen vervollständigte ich akribisch die Liste der verwendeten Gegenstände - und es waren eine Menge: ein ovaler Spiegel, etwa 100 cm hoch; ein mittelpreisiger und mittelgroßer Ghettoblaster; 3 leere Bilderrahmen, davon 2 rechteckig und einer oval - alle 3 mit viel Zierrat und mal irgendwann vergoldet worden... alle um die plus/minus 80 cm hoch - über Standfotos aus Filmen (alt) und preiswerten sw Kopien davon, zum Teil vergrößert - bis zu einer Doppel-Streit-Axt - hoffensichtlich eine Spielzeugwaffe im annähernd richtigen Maßstab - usw. Ohne Ende Zeug.
Viel Schwarz - Papier und Stoff - war dabei und das ganze war recht locker zu einer Installation in einer Raumecke gruppiert. Irgendwo zwischen Jonatan Meese und Anna Oppermann.
Und wirkte, als wollte sich ein Erstsemesterstudent wichtig tun. Ja.

Inzwischen hatte ich ein Bier bekommen - die Galerie kam also nicht drumrum, einen Braunschweiger zu supporten - und ich fing an, über meine Rolle als Schreibender auf einer Ausstellungseröffnung nachzudenken. Mir fielen die Jungs ein, die früher immer und auf jeder Party fotografierten, damit sie eine Rolle hatten, an der sie sich festhalten konnten.

So sinnierend drängte ich - es war ziemlich voll - in den vorderen Raum der Galerie. Hier waren Bilder zu sehen. Scherze, schnell und ungeduldig - und mit auffällig wenig Liebe - gemalt. So was hält nicht lang.

Beim organisieren des zweiten Bieres meint der Typ vor mir: "Oh, I am in a good mood today!" Und ich, der, obwohl zweiter, als erster sein Bier bekommt: "You are first. This beer... " und ich gebe ihm mein Bier "... is for your good mood!" Darauf er: "Are you reviewing the show?" Und ich: "Yes." "Great." meint er und schiebt ab. Ob ihm denn die Show gefallen würde, rufe ich noch hinter ihm her... "Yeah!" Na denn. Zumindest einem gefällt es.

Hatten sie noch zwischenzeitig Marschmusik gespielt, so gibt es jetzt was aus den 30igern, mit dem Refrain: "Let it snow, let it snow, let it snow", gesungen von einer Frau. Und recht passend zu der Ecke mit Kunstschnee im vorderen Raum. Und zwei kleinen Spiegelobjekten - Kästen - auf schwarzen Sockeln mit etwas von dem Zeug dazu... und wieder fallen mir nur Beschreibungen ein, in dem das Wort "Grundklasse" vorkommt.

Einer spricht mich, der ich gerade schreibe, von hinten an: "What the heck are you writing about? This is nothing! It's trendy, it's fashion!" Er ist in den 50igern, mit weißem Haarkranz und - obwohl keine solche Hose tragend - irgendwie latzhosig. Und ich: "Yes! What are YOU thinking I'm writing about?" Aber er wartet meine Antwort nicht ab und ich sehe ihn nur noch von hinten, mit erhobener Hand etwas zwischen Abschiedgruß und Ablehnung wedelnd.
("Heck" ist ein Ersatz für "hell", um etwas anständiger fluchen zu können. Spießer machen das, Bildungsbürger, erklärt mir später Judith.)


V.
Inzwischen war das zweite Bier getrunken und ich merkte die Wirkung. Auch, weil ich noch nichts gegessen hatte - man vergisst leicht mal, etwas zu essen in New York. Ein paar Blocks entfernt ist ein Falaffelstand... also, bevor ich aufbreche, zum Schluss was positives. Hm? Wenn, dann das: die Arbeiten sehen wie Frauenkunst aus - ohne das es die Künstlerin groß zu stören scheint. Im Gegenteil: sie kokettiert damit und dadurch gewinnen manche Arbeiten sogar einen gewissen Charme.

Wenn man solche Arbeiten beurteilt, müsste man eigentlich berücksichtigen, dass es nicht um die Bilder als Bilder geht (eh Scheiße), sondern um die Haltung der Künstlerin, des Künstlers, die sich an den Arbeiten ablesen lässt. Die Bilder verweisen also in erster Linie (und inzwischen oft fast ausschließlich) auf die Künstlerin, den Künstler.

Nur: bei so einem Konzept gilt das natürlich für alle anderen Konsumgüter auch.
Und damit sind wir beim Schwachpunkt dieser Strategie: man ist Konsumproduktproduzent - mit allen Folgen, die das mit sich bringt. Für mich die seltsamste ist die, dass, obwohl es zu allererst um die Haltung und den Auftritt und damit um die Person des Künstlers geht, dieser immer ohnmächtiger und unsouveräner wird.

Also: ich war dann Falaffel essen, bin danach in die 20igste Straße (Nr. 529, 8. Stock), habe dort die von C. benannte Ausstellungseröffnung besucht - ohne ihn selbst dort zu treffen - und bin dann meistens einen Stock höher auf einer anderen Eröffnung gewesen, wo es da den besseren Wein gab.

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